Bibelwort des Monats – September 2025

Lk 16,1-8

Lob der kreativen Buchführung?

„1 Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. 2 Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. 3 Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. 4 Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. 5 Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! 7 Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! 8 Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“

Die Wort-Christi-Stiftung verfolgt das Ziel, die Botschaft Jesu Christi, d. h. das christliche Evangelium zu verbreiten, indem sie die Frohe Botschaft über das Internet einem großen Kreis von Menschen zugänglich macht. Ja, Jesus verkündigt eine Frohe Botschaft. Aber nicht immer ist diese Botschaft glatt und eingängig. Nicht selten greift Jesus zu provozierenden Aussagen, um seine Zuhörerinnen und Zuhörer aufzurütteln.

Ein Beispiel dafür ist das Gleichnis vom klugen Verwalter in Lk 16,1-8. Vielleicht sollte es besser das Gleichnis vom ungerechten Verwalter heißen. Was die Hauptfigur der Geschichte tut, ist mehr als irritierend, ja empörend – und das nicht nur beim ersten Lesen, sondern bleibt es auch bei wiederholter Lektüre. Das Vorgehen des Verwalters, der eigenmächtig Schulden kürzt, die die Leute bei seinem Chef haben, um sich bei ihnen beliebt zu machen, ist nichts anderes als Betrug zu seinem eigenen Vorteil. Seine „kreative Buchführung“ ist umso schlimmer, weil er es offenbar schon vorher mit dem anvertrauten Vermögen seines Herrn nicht so genau genommen hat (V. 1-2). Im Rahmen von Recht und Ordnung betrachtet ist das Ganze schlicht kriminell. Punkt.

Aber wieso um alles in der Welt heißt es am Ende: „Und der Herr – gemeint ist Jesus – lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte“? Mit „Klugheit“ kann dann ja nur die gerissene kriminelle Energie gemeint sein. Die anschließende Begründung macht die Sache nicht besser: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes“. Solch ein Satz dürfte Mitgliedern mafiöser Clans gefallen! Er erinnert mich an ein Buch von Ulrich Wickert: „Der Ehrliche ist der Dumme“.

Was lässt sich trotzdem diesem provozierenden Gleichnis abgewinnen?

Zuerst muss ich mich an die eigene Nase fassen: Bei der Aufdeckung großer Betrugsfälle (z. B. Wirecard-Skandal) rege ich mich wie wohl die Mehrheit der Gesellschaft über die dreisten Machenschaften der Täter auf. Aber wie steht es bei mir selbst? Sicher habe auch ich schon mal Büromaterial privat abgezweigt, Belege bei der Steuererklärung geschönt usw. – immer mit einer rechtfertigenden Ausrede. Hat der, der es im Kleinen nicht so genau nimmt, das Recht, über die großen Betrüger zu urteilen?

Zurück zum Text. Jesus provoziert mit der Anerkennung eines Verhaltens, das juristisch und moralisch inkorrekt ist. Die Mehrheit der Exeget*innen reduziert angesichts dessen die Aussageabsicht Jesu auf einen einzigen „springenden Punkt“, auf den es ankomme: das kurz entschlossene, zupackende Handeln in einer existenziellen Entscheidungssituation. Jesus erzähle die Geschichte gar nicht mit Blick auf Ehrlichkeit contra kriminelle Schläue, geschweige denn plädiere er für letztere, sondern er stelle allein den Aspekt heraus: Im entscheidenden Moment gilt es entschlossen zu handeln. Da alle Verkündigung Jesu um das nahe Reich Gottes kreist, bedeutet das: Im Angesicht des Gottesreiches gilt es, dessen Gegenwart klug und konsequent zu ergreifen, auch wenn dazu ggf. unkonventionelle Mittel nötig sind. Die Radikalität der Geschichte dient nur dazu, diesen Aspekt der Botschaft zu pointieren.

Darf man über diese reduzierte Deutung hinaus weiter interpretieren? Das Schummeln des Verwalters ist seinem Herrn gegenüber ein Vergehen, keine Frage. Andererseits tritt der Verwalter aber als großzügiger Schenker gegenüber den Schuldnern auf. Sollten diese in finanziellen Engpässen stehen, werden sie seinen Nachlass als Barmherzigkeit empfunden und dankbar angenommen haben. Zwar spricht auch bei diesem Aspekt gegen ihn, dass er sein Entgegenkommen aus Berechnung vornimmt (V. 4); dennoch erleben die Begünstigten sein Handeln als gütiges Geben. Ich gehe nicht so weit wie frühere materialistische Bibelauslegungen, die in dem reichen Herrn einen Kapitalisten sahen, dessen Geld wegzunehmen und den armen Schuldnern zukommen zu lassen nur eine gerechte Umverteilung von oben nach unten sei. Aber das Gleichnis handelt von liebevollem Tun (wiewohl mit dem Makel des Egoismus), für das ein Rechtsbruch in Kauf genommen wird. „Liebe steht zuweilen höher als Gerechtigkeit“, könnte man diese Priorisierung betiteln.

Und doch bleibt ein Unbehagen mit diesem schwierigen Jesusgleichnis. Das Wort Christi ist nicht selten sperrig, und das ist gut so.

Gerhard Hotze