Bibelwort des Monats – November 2025

Mt 26,24

Hoffnung selbst für den Verlorensten

„Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“

Die Tage sind im November bereits merklich kürzer geworden und die Bäume kahler. Laub liegt auf der Straße und in den Gärten. Die Landschaft ist von einem morbiden Charme überzogen. Es ist kein Zufall, dass in den christlichen Kirchen die Feiertage zum Totengedenken in den No­vember fallen.

Das Gebetsanliegen des Papstes (noch des verstorbenen Papstes Franziskus) für die Weltkirche im November 2025 ist die Prävention von Suizid: „Beten wir, dass selbstmordgefährdete Per­sonen in ihrer Gemeinschaft die nötige Unterstützung, Hilfeleistung und Liebe finden und offen werden für die Schönheit des Lebens.“

Aus christlicher Sicht galt die Selbsttötung eines Menschen lange (buchstäblich) als Todsünde. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde Selbstmördern ein christliches Begräbnis verweigert oder sie wurden in nicht geweihter Erde, höchstens an der Friedhofsmauer, beerdigt.

Dabei wissen wir alle mit etwas Lebenserfahrung, dass es schwierige, ja unerträgliche Situati­onen im Leben eines Menschen geben kann – Hoffnungslosigkeit, Schmerz, Leid, Not oder auch Schuld –, die einem das Leben vergällen können.

Was kann Menschen in einer so schlimmen Lebenslage helfen? Verständnis, Mitgefühl, Ge­meinschaft, Vergebung von Fehlern, Solidarität, Sich-geliebt-Fühlen: Dies alles hat eine un­glaublich starke Kraft gegen die Verzweiflung und gibt dem Betroffenen ein Stück seiner Würde zurück. Das unterscheidet uns von Raubtieren. Wo wir den Nächsten, ja sogar den vermeintli­chen Feind als  Kind Gottes sehen, geben wir nicht nur ihm, sondern auch uns ein menschliches Angesicht. So hat Jesus es uns vorgemacht, mit einer großen Freiheit und Respekt vor den anderen.

Der November ist der Monat des selbstlosen Gebetes, des Betens für Menschen, die nicht mehr bei uns sind. Die Liebe und Verbundenheit reicht über den Tod hinaus und weist auf die Wirklichkeit hinter den Dingen, die jenseitige Welt, ohne dabei die irdische Gegenwart auszu­blenden.

Das Wort Jesu über Judas in Mt 26,24 (siehe oben) schockiert uns und erscheint uns grausam. Es klingt wie ein Fluch. Tatsächlich nimmt sich Judas am Ende das Leben. Er ist der wohl pro­minenteste Selbstmörder in der Bibel. Die abgrundtiefe Verzweiflung eines Menschen kommt da zum Ausdruck. Ihn erdrückt seine Schuld. Er kann sie nicht rückgängig machen. Niemand kann ihm mehr vergeben. Der Einzige, der ihm vergeben könnte, wurde von ihm selbst dem Tod ausgeliefert.

Jesus sagt, es wäre für Judas besser, wenn er nie geboren worden wäre. Das scheint der Hal­tung eines liebevollen, barmherzig vergebenden Jesus, wie wir ihn sonst kennen, zu wider­sprechen. Es ist ein gutes Beispiel, dass Aussagen im Zusammenhang gesehen werden müssen. Jesus ist in einer menschlichen Ausnahmesituation. Er steht vor der Passion. Er wird erniedrigt, gefoltert und qualvoll hingerichtet werden. Es wäre verständlich, wenn ein Mensch in dieser Lage sagen würde: „In solcher Not wäre es besser, nie geboren worden zu sein“. Aber das sagt Jesus nicht; er sagt vielmehr: „Es sollte lieber nie geboren worden sein, wer anderen solches Leid antut.“

Judas wurde zum Verräter und stand am Ende vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. „Als nun Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass Jesus verurteilt war, reute ihn seine Tat … und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe unschuldiges Blut ausgeliefert. … dann ging er weg und erhängte sich.“ (Mt 27,3-5)

Hat Judas denoch eine Chance? Bei Gott ist nichts unmöglich (vgl. Mk 10,27). Vielleicht muss jeder am jüngsten Tag das durchleiden, was er anderen angetan hat, um echtes Mitgefühl und Reue zu empfinden und so der Vergebung Gottes und der anderen würdig zu werden.

Wenn wir jetzt im November für unsere Verstorbenen beten, dürfen wir in dieser Perspektive auf die Barmherzigkeit Gottes bauen und Hoffnung haben für Lebende und Tote, sogar für den scheinbar verlorensten Menschen.

Barbara Heitfeld