Helles Licht im Todesschatten
„12 Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück.13 Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. 14 Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:
15 Das Land Sebulon und das Land Naftali,
die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan,
das heidnische Galiläa:
16 Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen;
denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
17 Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. [...]
23 Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“
In der Leseordnung der katholischen Kirche steht in diesem Jahr das Matthäusevangelium im Mittelpunkt. Es ist das erste Buch des Neuen Testaments. Seit den frühen Zeiten des Christentums wurde es als das Evangelium hoch geschätzt. Nach der Überlieferung der Kirche war Matthäus einer der zwölf Apostel (vgl. Mt 10,3), ursprünglich ein Zöllner (vgl. Mt 9,9). Er war also Augen- und Ohrenzeuge des Meisters: Was das Matthäusevangelium sagt, sagte Jesus. Die vielen Zitate aus der Bibel, die das Matthäusevangelium bietet (so auch der Kern der oben zitierten Perikope), könnten darauf hindeuten, dass der Verfasser eine exegetische, schriftgelehrte Ausbildung mitbringt. In Mt 13,52 gibt es dazu eine interessante, möglicherweise autobiographische Bemerkung: „Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.“ Beschreibt Matthäus sich hier selbst als einen Pharisäer, der sich Jesus angeschlossen hat?
Die Perikope Mt 4,12-23 (die in den Versen 18-22 auch noch die Berufung der ersten Jünger beschreibt, oben ausgelassen) ist nach der Kindheitsgeschichte (Kap. 1 und 2) sowie nach der Taufe Jesu durch Johannes und seiner Versuchung in der Wüste (Kap. 3) die Ouvertüre zum öffentlichen Wirken Jesu von Nazaret. Das, was Jesus ausgehend von Galiläa in Wort und Tat verkünden wird – z. B. in der Bergpredigt (Kap. 5-7), in heilenden Wundertaten (Kap. 8-9) –, wird in Kap. 4 schon vorab zusammengefasst. Die zentrale, frohe Botschaft lautet: Das Himmelreich ist nahe! (V. 17)
Matthäus bereitet zunächst die geographische Szenerie vor. Johannes der Täufer hatte im Süden, in der judäischen Wüste, getauft (vgl. Mt 3,1). Von dort kehrt Jesus nach Norden, in seine Heimat Galiläa, zurück. Es ist das alte Siedlungsgebiet der Stämme Sebulon und Naftali, zweier der zwölf Söhne des Patriarchen Jakob, aus denen sich das 12-Stämme-Volk Israel konstituierte. Interessant ist, dass Jesus – wie viele dem Elternhaus entwachsene junge Menschen – von zu Hause auszieht und sich eine neue Wohnung nimmt. Er zieht von Nazaret nach Kafarnaum. (Es wäre also durchaus möglich, ihn statt „Jesus von Nazaret“ „Jesus von Kafarnaum“ zu nennen.) Die Notiz Mt 4,13 ist die einzige Adressangabe, die Jesus im Neuen Testament hat.
Typisch für Matthäus ist sodann die biblische Verankerung dieses Umzugs. Dass Jesus sein Wirken in Galiläa beginnt, ist kein Zufall, sondern erfüllt eine alte Verheißung beim Propheten Jesaja. Jene Gegend im Norden, die relativ weit vom Kernland Juda mit Jerusalem entfernt lag, galt in ihrer Randlage als finster, ja sogar vom Tod überschattet. Das galt zumal deshalb, weil dort neben den Juden viele Heiden lebten, es also eine Mischbevölkerung gab. Aus dem hebräischen „Gebiet der Nationen“ (Jes 8,23) wird in Mt 4,15 „Galiläa der Heiden“. Die Heimat Jesu war geradezu sprichwörtlich Heidenland. Dass der Messias dort herstammt und Galiläa zum Schwerpunkt seiner Verkündigung macht, ist von hohem Symbolwert: Die Botschaft vom Himmelreich ist bestimmt für Juden und Heiden. Von Israel aus, wo der Immanuel geboren wurde, geht das Heil in alle Welt. Dafür steht der Name Galiläa. Es ist kein Zufall, dass der Sendungsauftrag des auferstandenen Christus an seine Jünger (ganz am Ende des Evangeliums), zu allen Völkern („Heiden“) zu gehen, ebenfalls in Galiläa erfolgt (Mt 28,16-20).
Die frohe Botschaft vom nahen Himmelreich bedeutet ein Licht in der Finsternis. Diese Symbolsprache aus dem alttestamentlichen Zitat geht zu Herzen: Ein helles Licht im Schattenreich des Todes – bis heute vermag das tief anzusprechen, die auch wir in einer Welt leben, die vielen dunkler und dunkler vorkommt.
Jesus ist die Erscheinung jenes hellen Lichts, das in uralter Zeit verheißen worden war. In seiner vollmächtigen Lehre von Gottes Reich und seiner wunderbaren Kraft zu heilenden Taten, die diese Verkündigung untermauern, war und ist Jesus Christus Licht und Zeichen der Hoffnung, das alle Finsternis überwindet.
In dieser Hoffnung wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der biblischen Impulse der Wort-Christi-Stiftung ein gesegnetes, gotterfülltes neues Jahr!
Gerhard Hotze