Bibelwort des Monats – Mai 2026

Mt 13,45–46

Das Gleichnis von der Perle 

„Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie.“

Perlen sind kostbar. Eine echte Süßwasserperle kann bis zu 1000 € kosten, und schon in hellenistischer Zeit waren Perlen aus Indien und dem zentralasiatischen Gebiet Handelsgüter, die dann auch in den Städten am Roten Meer und am östlichen Mittelmeer umgeschlagen wurden.

In dem Jesuswort Mt 13,45–46 geht es um das Himmelreich, das mit einem Menschen verglichen wird, der in schöne Perlen investiert. Die deutsche Einheitsübersetzung spricht von einem Kaufmann, also einem Kenner und Liebhaber, der eine besonders wertvolle Perle findet. Er verkauft alles, was er besitzt, um diese Perle zu kaufen. Der Mann (der griechische Originaltext spricht von einem „Mann“ oder „Menschen“, nicht von einem Kaufmann) investiert, indem er sie kauft: Er setzt alles auf diese eine Karte.

Was für ein Unsinn! Gottes Reich ist doch kein Handelsraum.

Oder doch? Investment in der Bibel? Ein gar nicht so seltenes Thema.

Das knappe und kondensierte Logion – es sind nur zwei Verse – steht im Kontext des 13. Kapitels des Matthäusevangeliums, also des ersten biblischen Buches im neutestamentlichen Kanon. Im direkten Kontext steht ein weiteres sehr knappes Logion, das thematisch passt (Mt 13,44). Auch hier wird investiert: In diesem Vers ist das Himmelreich ein Schatz, der im Acker vergraben war. Auch hier entdeckt ein Mensch diesen Schatz. Auch er investiert sein ganzes Vermögen, nachdem er sein Eigentum veräußert hat. Der griechische Text (und die deutsche Fassung folgt dem Original) legt nahe: Das Himmelreich ist der Schatz. Der Mensch findet ihn, versteckt ihn aber wieder, indem er ihn im Acker vergräbt.

Im erstgenannten Logion von der Perle ist es der Mensch, der an erster Stelle steht und damit ins Zentrum rückt: „Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.“ Beschrieben wird ein Kenner, der weiß, was er tut. Sonst erfahren wir kaum etwas. Es wird nicht berichtet, wo die Perle gefunden wurde: auf dem Markt? Im Handel?. Es wird auch nicht berichtet, um welche Perle es sich handelt oder wofür sie eingesetzt wird. Es ist jedoch kein Fundstück am Strand, sondern muss mit Geld erworben werden.

Das Logion funktioniert, wenn man ökonomisches Verständnis mitbringt. Die lesende Person muss wissen, dass Perlen wertvoll sind, und im besten Fall auch, dass es nicht ganz unvernünftig ist, unter bestimmten Umständen zu investieren. Sonst wäre dieses Logion unsinnig. Vielleicht wird hier sogar spekuliert; aber der Einsatz ist das eigene Vermögen.

Gleichzeitig haben wir es mit einem Fachmann zu tun. Er hat Insiderwissen. Es handelt sich um eine besonders wertvolle Perle (allerdings nicht die wertvollste). Der Mensch investiert und spekuliert. Er kauft sie nicht, um sich zu ruinieren, sondern um zu investieren und einen Mehrwert zu generieren. Er setzt auf Wertzuwachs, zumindest auf Wertstabilität. Ob es sich auszahlt, wird sich zeigen. Was mit diesem kleinen Schatz passiert, bleibt unklar.

Interessant ist, dass es sich – sofern die Perle echt ist – um einen natürlichen Schatz, ein Naturprodukt, handelt. Die Schöpfung, der sie entstammt, ist von Gott geschaffen. Das jedenfalls ist eine zutiefst jüdisch-theologische Annahme, die Jesus teilt. Sie ist also letztlich ein Produkt der Schöpfung Gottes und insofern ein Geschenk. Eine solche Spekulation gelingt nur, weil Ressourcen für das Investment vorhanden sind, die ebenfalls von Gott geschenkt sind. Alles kommt von Gott, auch das Geld des Menschen, um die Perle zu kaufen.

Das Reich der Himmel wird in Mt 13 mit Bildern aus dem Handel mit Luxusgütern verglichen. Es steht etwas Wertvolles in Aussicht. Hier ist es ein kleiner Schatz, der Liebhaber schöner Dinge erfreut, für Arme jedoch unerschwinglich ist. Diese werden nicht düpiert; damit wäre das knappe Gleichnis falsch verstanden. Es geht um die Logik des Investments. Das Gleichnis operiert mit einer Marktlogik, um aufzuzeigen, worum es beim Himmelreich geht: um Wertvolles und Schönes, für das ein Einsatz geleistet werden muss.

Was ist das Schöne und Wertvolle in Ihrem Leben? Investieren Sie?

Aleksandra Brand