Nehmt mein Joch auf euch – mein Joch ist sanft
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“
Diese Worte Jesu öffnen eine große Spannung: Vom Tragen seiner Last ist die Rede, vom Aufnehmen seines Jochs. Das bedeutet Übernahme von Verantwortung, Erfüllung frommer Verpflichtungen, sich vor den Karren spannen lassen, Aufgabe persönlicher Freiheit und Absage an Individualität. In der heutigen gesellschaftlichen Atmosphäre treffen solche Aufforderungen im Grunde auf ein Tabu: sich dem Ziel eines anderen unterzuordnen, einem Herrn zu gehorchen - das klingt doch sehr verdächtig! Wie oft haben wir Fälle von Missbrauch gesehen, von zerstörerischen Abhängigkeiten gehört, Menschen erlebt, deren Naivität brutal ausgenutzt wurde, denen ein frommes Korsett übergestülpt wurde.
Aber im selben Atemzug redet Jesus von seiner Sanftmut und Demut, davon, dass seine Last leicht ist und wir mit dem Tragen seines Jochs Ruhe für unsere Seelen finden.
Auf den ersten Blick scheint das ein krasser Widerspruch. Aus meiner Sicht sind diese Worte Jesu typisch für ihn; sie sind eine echte Provokation, eine massive Herausforderung.
Ihm nachzufolgen, das ist nicht billig zu haben, ist nicht das Rezept für einen einfachen Weg zum Glück. Die scheinbaren Widersprüche in seinen Worten lösen sich auf, wenn man Jesu Herausforderung auf sich nimmt und mit ihm unterwegs ist. Wagt man, dieses Wort Jesu wirklich an sich heranzulassen, dann erlebt man einen Blick in unsere Realität, wie sie wirklich ist. Eine befreiende Ernüchterung: Auch wenn wir meinen, wir seien souverän und frei sind – in Wahrheit sind wir bestimmt von zahlreichen Abhängigkeiten, die uns sehr wohl festlegen.
Die Schlange im Paradies versprach Adam und Eva göttliche Unabhängigkeit, wenn sie von der verbotenen Frucht essen würden. Die Realität führte die beiden zu einer bitteren Erkenntnis: der Entdeckung ihrer Nackheit, der Peinlichkeit Ihrer Blöße. Ab da mussten sie verbergen, wer sie wirklich waren.
Jesus ist fair und liebevoll, wenn er die Jünger auf die Realität hinweist: „In der Welt habt ihr Angst!“ (Joh 16,33). Passionszeit des Jahres 2026: Wir leben – besonders gerade jetzt – in einer Welt, in der man berechtigterweise Angst haben muss. Die Mächtigen unserer Zeit bauen ihre Imperien auf einem System von Lüge und Angst auf. Wer es wagt, die Wahrheit zu äußern, wird mundtot gemacht, demontiert, verboten, angegriffen und weggesperrt. Wer die Wahrheit sagt, wird zum Verräter gestempelt.
Abgründig und schlimm ist es, wenn bestimmte religiöse, ja sogar „christliche“ Gruppen diese furchtbaren Entwicklungen auch noch unterstützen und die Führer dieser Bewegungen mit scheinbar biblischen Glaubsenssätzen zu legitimieren versuchen.
Zugleich verliert unsere Gesellschaft durch die sozialen Medien immer mehr ihren Zusammenhalt. Respektlosigkeit, Aufgeblasenheit, Enthemmung und die zunehmende Unfähigkeit, einander mit Wertschätzung zu begegnen, bestimmen zunehmend die Atmosphäre.
Neben den äußeren Bedrohungen sind auch die Ängste und Unfreiheiten in uns keine Kleinigkeit. Eine empathielose Gesellschaft erzeugt Einsamkeit, Ausgrenzung und Selbstzweifel.
Die Frage dieser Tage ist: Hat Jesus auf all das eine relevante Antwort? Ich meine nicht eine moralisierende Antwort, eine kopfschüttelnde Verurteilung der Verfehlungen andererer bei gleichzeitiger Aufwertung der eigenen Maßgeblichkeit. Sondern eine lösende, heilende, aufrichtende, vergebende und wahre Antwort?
Die führenden jüdischen Lehrer in den Tagen Jesu hatten im Wesentlichen nur eine Antwort auf die gesellschaftlichen Spannungen : Das Gesetz des Mose muss knallhart befolgt werden; wer das nicht einhält, ist komplett disqualifiziert. Radikal, ohne Wenn und Aber, eiskalt. Auch heutzutage gibt es in manchen christlichen Kreisen eine derart elitäre, gnadenlose Mentalität, als Beurteiler und Richter zu leben.
Was aber ist die Antwort Jesu? Es ist die Einladung, mit ihm unter sein Joch zu kommen. Was unterscheidet sein Joch von den Lasten, die uns die Welt (ohne Gott) anbietet? Von dem, was gnadenlose, selbstbezogene Religiosität fordert?
Unter seinem sanften Joch dürfen wir sein und bleiben, wer wir wirklich sind: mit unserem Hunger, unserer Sehnsucht, unserem Bedürfnis, geliebt zu werden und lieben zu können, der Freiheit, dass unsere Schwächen und Fehler nicht zur Disqualifikation und zum Beziehungsende führen.
Aber: Liebe ist gleichzeitig auch ein Joch! Liebe bedeutet Verbindlichkeit. Keine Flucht vor Auseinandersetzungen. Liebe heißt auch, sich selber auszuhalten, wie wir von Gott geschaffen wurden. Liebe heißt Verzicht auf das Tragen von Masken. Liebe bedeutet die Entscheidung, sich gegenseitig auszuhalten und nicht zu kündigen. Und Liebe heißt auch, die Wahrheit nicht zu verdrehen. Keine Akzeptanz sogenannter alternativer Fakten, die gar keine Fakten sind.
Ja, Liebe bedeutet auch die Bereitschaft zum Kreuztragen. Das ist und bleibt schwer. Aber was ist schwerer: sich den Regeln einer unbarmherzigen, kalten Gesellschaft unterzuordnen, in einem System der Lüge und des Verrats zu leben – oder die Lasten und Beschwernisse unter dem Joch Jesu auf sich zu nehmen?
Ja, die Einladung Jesu zur Nachfolge und unser Gang durch die Passionszeit haben etwas, das dem heutigen Bibelwort entspricht: Es ist schwer und gleichzeitig voller Fröhlichkeit. Es ist wie eine belebende, inspirierende Musik, die in einer unromantischen Umgebung aufgeführt wird – so wie ein Kirchenkonzert in einer vom Krieg beschädigten Kirche. Aber die Botschaft der Musik ist stark und wird durch die Schäden an der Kirche nicht beeinträchtigt.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Passionszeit.
Jürgen Wick