Bibelwort des Monats – Juni 2026

Mt 9,36 – 10,8

Schafe ohne Hirten

„9,36 Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! 
10,1 Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. 2 Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, 3 Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn ausgeliefert hat. 5 Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, 6 sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! 7 Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! 8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“

Eines der Sonntagsevangelien im Monat Juni ist diese Perikope aus dem Matthäusevangelium: Kap. 9, Vers 36 bis Kapitel 10, Vers 8. Der vorausgehende Vers 9,35 sagt, dass Jesus durch seine Heimat Galiläa zieht und das Reich Gottes in Wort (Frohe Botschaft) und Tat (Heilungen) verkündet. Begleitet wird er von seinen Jüngern und einer großen Zahl von Menschen, die staunend und sehnsuchtsvoll von dieser Lichtgestalt in Bann gezogen werden. Jesus sieht sie an. Er hat Erbarmen mit ihnen: Sie sind müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben (9,36). Wie ist seine Reaktion? Keineswegs resigniert. Vielmehr wendet er sich den Jüngern zu: Die bemitleidenswerte Situation dieser Vielen ist keine Überforderung, vor der die Jesusbewegung kapitulieren müsste. Sie ist vielmehr eine Herausforderung, die es anzupacken gilt. Jesus umschreibt die Lage, passend zum agrarischen Galiläa, mit dem Bild einer großen Ernte (9,37). Eine bevorstehende reiche Ernte braucht ein Heer von Erntehelferinnen und -helfern: Arbeiter, die vom Eigentümer der Ernte bestellt werden, also Jüngerinnen und Jünger, die im Auftrag Jesu tätig, „im Namen des Herrn unterwegs“ sind, um den hirtenlosen Schafen beizustehen (9,38).
Namentlich sind es die zwölf Jünger, die er zu diesem Dienst beruft, von Simon Petrus bis Judas Iskariot (10,2-4). Die Symbolzahl 12 steht für die zwölf Stämme, d. h. die Gesamtheit Israels; schon dadurch wird angedeutet, dass noch viel mehr, ja eigentlich alle zu dieser Erntearbeit gerufen sind.

Inhaltlich beschrieben wird der Auftrag mit dem Austreiben unreiner Geister sowie dem Heilen aller Krankheiten bis hin zu Totenauferweckungen (10,1.8a). Im Hintergrund steht die Heilsperspektive: Das Himmelreich ist nahe! (10,7) In den Dämonenaustreibungen und Heilungen scheint die Nähe dieser neuen Welt Gottes schon befreiend auf. Im Übrigen sollen die Arbeiter unentgeltlich wirken, denn sie selbst haben geschenkweise, ohne eigenes Verdienst, die Gnade Gottes empfangen (10,8b).

Der Text ist eine der klassischen Missionsgeschichten in den Evangelien. Jesus ruft die Jüngerinnen und Jünger in seiner Nachfolge zu der gleichen, heilvollen Verkündigung auf, wie er selbst es tut.
Mission – dürfen wir dieses Wort heute noch in den Mund nehmen? Die Kirchen rangieren in puncto Vertrauen zu gesellschaftlichen Institutionen auf den hintersten Rängen. Die Missbrauchsskandale der letzten Jahre haben Kirche vollends diskreditiert. Ist es da nicht – je nach Wahrnehmung – lächerlich oder gar dreist, wenn die Kirche weiterhin missionarisch sein will?
Ich meine nein. Mit diesem Evangelium (Mt 9,36ff.) ist eindeutig, dass Mission zur DNA von Kirche gehört. Das Wort Christi ist unmissverständlich: „Geht und verkündet!“ So wie das Reich Gottes die Kernbotschaft Jesu ist, so ist es das Kerngeschäft seiner Jünger, der Kirche, dies unermüdlich zu verkündigen. Aber das birgt eine gewaltige Spannung.
In meiner eigenen Lebenszeit von einigen Jahrzehnten erlebte ich ein permanentes Wechselbad der Gefühle: als junger Mensch die Faszination von diesem Gott und seiner Evangeliumsbotschaft; die Infragestellung seitens Aufklärung und Naturwissenschaft; das frustrierende Verharren in patriarchalischen Strukturen und aus der Zeit gefallenen Moralvorstellungen; als Gipfel der Heuchelei schließlich die parallel dazu geschehenen Missbrauchsabgründe.
Und dennoch: Ich halte fest an dieser arm-seligen Kirche (im doppelten Sinne) und ihrer Beauftragung zur Ernte durch ihren Meister. War es vielleicht vor fünf Jahren noch naheliegend, angesichts des Gesamteindrucks (incl. des schwachen Bildes in der Pandemie) der Kirche und Religion enttäuscht den Rücken zu kehren, so sage ich heute mit Blick auf die allgemeine Lage: Die Welt braucht Dich, Herr! Sie braucht Deine Botschaft und Deine Jünger*innen!
Übertreibe ich, wenn ich sage: Nie gab es müdere und erschöpftere Schafe als heute? Dazu ebenso müde und apathische Hirten? Stimmt es nicht zu sagen: Nie war die Ernte größer als heute? Nie bedurfte es mehr Arbeiter*innen als im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert? Die Suche der desorientierten Schafe, von narzisstischen oder skrupellosen Anti-Hirten dieser Welt belogen und im Stich gelassen, ihre Sehnsucht nach Hoffnung, Erlösung und Heil ist meines Erachtens größer als alle berechtigte Empörung über kirchliches Versagen. Die Welt braucht Mission. Sie braucht glaubwürdige Zeug*innen, die mit all ihrer Begrenztheit einstehen für eine andere, bessere Welt. Das kann jede und jeder von uns – durch ein authentisches Lebens- und ein mutiges Glaubenszeugnis, das den müden Schafen eine Perspektive aufzeigt und uns auch selber belebt.
Ich lade uns ein mit den Worten Jesu, die dringlicher sind denn je:
„Die Ernte ist groß. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“

Gerhard Hotze