Geduld mit Freund und Feind
„24 Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. 26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? 28 Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? 29 Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. 30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!“
Schon immer hat mich dieses Gleichnis Jesu, das nicht zu seinen bekanntesten gehört, angesprochen. Fasziniert hat mich sein Realismus und die Empfehlung, die für das Problem gegeben wird. Jesus kennt die Wirklichkeit dieser Welt. Mit seinem Rat, Geduld zu haben und nicht voreilig zu handeln, zeigt er Weitsicht und Weisheit. Über diese Grundbotschaft hinaus enthält die Geschichte interessante Details. Ich erlaube mir, diese Einzelzüge einmal nach der allegorischen Methode auszudeuten.
Nach der klassischen Definititon hat jedes Gleichnis eine Sachhälfte und eine Bildhälfte. Das Erste ist die gemeinte Sache, die Jesus verdeutlichen will, das Zweite die zum Vergleich benutzten Bilder.
Der einleitende Vers stellt klar: Es geht um das Himmelreich. Dieses wird mit einem Acker verglichen. Der Acker gehört einem Mann; hinter diesem darf Gott als der Herr seines Reiches gesehen werden. Behandelt wird ein bestimmtes Problem: dass es zugleich Gutes („guten Samen“) und Böses („Unkraut“) auf dem Acker gibt. Diese Koexistenz ist bemerkenswert, denn das Himmelreich betrachten wir doch für gewöhnlich als vollendet gut, rein und frei vom Bösen. Der Acker kann also nicht im Himmel angesiedelt sein. Damit setzt das Gleichnis voraus, dass das Himmelreich schon hier auf Erden beginnt – ein hoffnungsvoller Gedanke. Unsere Erfahrung bestätigt nur zu gut, dass unsere irdische Existenz in jeder Hinsicht ein Corpus mixtum aus Gut und Böse ist, sei es in der globalen Perspektive oder im persönlichen Bereich. Es gibt beides auf Gottes irdischem Acker: den guten Weizen und den giftigen „Taumellolch“ (die Unkraut-Pflanze, die das griechische Wort bezeichnet). Unter diesen widrigen Umständen wächst der Weizen heran, der in der himmlischen Vollendung das Gottesreich ausmachen wird.
Vers 25 enthält drei interessante Einzelaspekte. Das Unkraut wird gesät, „während die Menschen schliefen“. Es ist also nicht so, dass das Böse sehenden Auges von uns akzeptiert würde. Nein, es ist tückisch, es kommt schleichend und im Verborgenen. „Seid wachsam!“, liest sich implizit hinter dieser Aussage mit.
Wer sät das Unkraut? Der Täter wird als „sein Feind“ umschrieben: der Feind des Ackerbesitzers, also auf der theologischen Sachebene der Gegenspieler Gottes. Es ist nicht nötig, ihm den Namen Teufel oder Satan zu geben. Der „Feind“ steht für jeden und alles, was dem Willen Gottes zuwiderhandelt. Das bestätigt etwas später V. 28: Dort wird als Urheber nur mehr allgemein „ein Feind“ genannt, nicht „sein“ (= Gottes) Feind. Der Widersacher ist nicht nur Gottes, sondern aller auf das Himmelreich hin gerichteten guten Kräfte und Früchte Feind.
Die Verschlagenheit des Feindes zeigt sich auch darin, dass er das Unkraut sät, dann aber wieder verschwindet („… und ging weg“, V. 25 Ende): Heimtückisch sät er das Böse, ohne offen dazu zu stehen. Auch hier möchte man mitlesen: „Seid auf der Hut!“ Heutzutage könnte man – auf der Bildebene gelesen – zur Vorbeugung Überwachungskameras einsetzen. Leider gibt es auf der Sachebene bis heute keine moralischen Sicherheitskameras, die eine Saat des Bösen frühzeitig verhindern würden.
Was ist nun die Therapie gegen diese im wahrsten Sinne des Wortes durchwachsene Kultur des Himmelreich-Ackers? Das eine Modell ist das der Knechte des Gutsherrn (die als die Jünger Jesu verstanden werden dürfen). Sie wollen den Anfängen wehren und ohne Zögern rigoros darangehen, das Unkraut auszureißen. Sie bedenken nicht, dass sie damit zugleich den Weizen vernichten. Mich erinnert das im politischen Bereich an die kurzsichtige Haltung mancher Mächtiger, die – vielleicht in hehrer Absicht – leichtfertig Kriege anzetteln, ohne die Kollateralschäden mitzubedenken.
Das andere Modell ist das des Gutsbesitzers, d. h. Gottes bzw. Jesu als Erzähler des Gleichnisses: „Stopp!“ Üben wir uns in Geduld, auch wenn es schwerfällt! Lassen wir beides, das Böse und die gute Saat, zunächst miteinander wachsen. Dann wird das Gute stark genug zum Überleben, das Böse klar genug zum Identifizieren sein. So kann „die Spreu vom Weizen getrennt“ werden.
Wie oft möchten wir nicht angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit dreinschlagen und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen: die Guten entschädigen und die Bösen vertilgen! Aber das ist für Jesus nicht die Agenda des anbrechenden Himmelreichs auf Erden. Hier soll, muss das Gute einstweilen die schwierige Koexistenz mit dem Bösen ertragen. Das fällt nicht leicht. Auszuhalten ist es nur mit Blick auf die „Ernte“ am Ende; dann, erst dann wird es Zeit sein für die fällige Trennung. Ohne diese Hoffnung auf endzeitliche Gerechtigkeit wäre das Einhaltgebot des Gutsherrn an seine Knechte zynisch.
Das Gleichnis Jesu ist für mich eine ausgesprochen realitätsnahe, bleibend aktuelle Mahnung zur Besonnenheit und Geduld. Üben wir nicht Lynchjustiz vor der Zeit; sie kann uns selbst mit zerstören. Überlassen wir dem ewigen Richter das Urteil und seine Vollstreckung.
Gerhard Hotze